Verfasst von: LaScotia | Dezember 16, 2015

Memories: Jerry und die süße Auster

Es ist Sommer und es ist warm. Der Wetterfrosch im Fernseher schnappt über vor Begeisterung, der gesamte europäische Kontinent liegt unter einer gewaltigen Hochdruckblase, die nichts anderes zulässt als 15 Sonnenstunden täglich ohne Chance auf ein noch so kleines Wölkchen. 

Mein Telefon. Herz hüpft vor Freude, Sandras Name auf dem Display. 

„Viel zu tun, Fredriksson?“

Lange Begrüßungen oder einleitendes Blabla sind nicht Sandras Hauptanliegen, Smalltalk hasst sie wie die Pest! („Was soll das bringen? Glaubt einer, mich interessiert, ob sein ‚Ältester‘ irgendeinen Scheiss in Bad Irgendwo studiert?“)

„Geht so.“

„Okay, dann komm her. Jede Stunde geht ein ICE, dann bist du in spätestens zweieinhalb Stunden hier. Sag mir, welchen Zug du geschafft hast, ich hol dich da ab!“

Ma’am! Zug nehmen, Ma’am! Bescheid sagen, Ma’am! YES, Ma’am!!

„Süße, verrätst du mir bitte, in welche Richtung ich fahre? Oder darf ich es mir aussuchen, und du beamst dich da dann hin?“

„Hamburg! Bis dann. Küsschen.“ Klick. 

??

Ich versuche zurückzurufen. 

The person you are calling is tempor… Jaja. Schon gut. Du hast gewonnen, van Eessen. 

Als hätte sie in der Ferne meine Gedanken erraten, erscheint eine Nachricht von ihr auf meinem Display:

Kleiderordnung für heute: sexy, aber nicht nuttig, auf keinen Fall Landpomeranze!

Super. Kurz überlege ich, den kompletten Inhalt meines Kleiderschranks per Eilkurier nach Hamburg schaffen und die Präsidentin des heutigen Tages entscheiden zu lassen…

Widerstand ist aber zwecklos, und so suche ich die nächsten Verbindungen raus, buche ein Ticket und erkenne auf dem Weg, dass es ziemlich sportlich bemessen war und ich hetzen muss…

Berlin – Hamburg in 90 Minuten, WLAN und Steckdose am Platz inklusive. 

Während ich in einer an mir vorbeifliegenden Landschaft die Tastatur meines MacBooks traktiere, überlege ich, mit welch morbider Faszination sich Menschen tagtäglich mit ihrem Auto im Dauerstau hinten anstellen ohne die Möglichkeit, bequem zu arbeiten und ohne dass ihnen ein heißer Kaffee und ein pappiges Brötchen mit trockenem Käse und verwelktem Salat an den Platz serviert werden. 

Mit dem Auto hätte ich für die gleiche Strecke bestimmt doppelt so lange gebraucht, daher macht mir die Ankunft in Hamburg 15 Minuten nach der geplanten Zeit auch nichts aus. 

Hauptbahnhof Hamburg. 28 Grad. Dunkel. Verwinkelt. Schmutzig. Eng. Laut. Unübersichtlich. Ein architektonischer Anachronismus, dem ich mit der gleichen hingebungsvollen Abneigung begegne wie dem Rest dieser Stadt. 

Natürlich bin ich an diesem frühen Freitag Nachmittag die einzige Reisende hier und natürlich werde ich hier überhaupt keine Mühe haben, meine geliebte wilde Irre zu finden. 

Den Satiremodus beende ich einen Wimpernschlag später, als eine Gruppe entspannter, ausgeglichener Zeitgenossen aus einer dieser gastlich-einladenden Allah-Hu-Akbar-Regionen versucht, im olympischen Hundertmetertempo einfach durch mich hindurch zu rennen. 

Nun kann ich gerade nicht erkennen, was diese Leute glauben lässt, sie hätten ein Recht darauf, den Raum einzunehmen, den ich in diesem Augenblick für mich beanspruche und schalte augenblicklich in den Angriffsmodus. 

Die ersten beiden schaffen es noch so gerade an mir vorbei. 

Der dritte, ein Bürschchen knapp oberhalb der Ey-Alter-darf-isch-auf-Straße-rauchen-wenn-Baba-es-erlaubt-du-Hure!-Grenze lernt im nun folgenden Augenblick, dass schlechtes Benehmen in der Öffentlichkeit einerseits und mangelnder bis gar nicht vorhandener Respekt Frauen gegenüber andererseits eine Kombination sein kann, die einerseits nicht immer zielführend  ist und andererseits zu äußerst schmerzhaften Lerneffekten führen kann. 

Er flucht lautstark in einer mir unbekannten Sprache, als er da so im Dreck liegt und sich mühsam wieder aufzupäppeln versucht, funkelt mich mit pechschwarzen Augen an, die mich irgendwie an eine Ratte erinnern, und trollt sich dann im Halbkreis um mich herum zu seinen anderen Zeltbewohnern. 

„Ist Ihnen etwas passiert, junge Frau?“ fragt ein besorgt wirkender älterer Herr. 

Mir?

Vielleicht sollte der lieber das Bürschchen fragen…

Ich verneine dankend, entspanne mich wieder und gehe einem der hundertzwölf Ausgänge entgegen. 

Oben am Geländer neben der Treppe steht Sandra. 

Wie war das? Sexy aber nicht nuttig? Wir werden Begriffsdefinitionen üben müssen. 

Wer die Treppe nicht raufgeht, sondern unten auf dem Bahnsteig bleibt und unter dieser Brücke mit ihren kleinen, bunten Geschäften hindurch geht und dabei einen Blick nach oben riskiert, kann der wilden Irren wahrscheinlich unter der schmalen Andeutung eines Rocks hindurch bis zur Piercingorgie weiter oben schauen…

„Geiler Stunt, Fredriksson!“ sagt sie anerkennend, als ich nur noch ein paar Meter von ihr entfernt bin und ihr grinsen spricht Bände. 

Du hast das gesehen?“

„Klar, ich warte hier seit ner halben Stunde auf dich. Hast du den Lokführer verführt oder wieso hat das so lange gedauert?“

Und endlich bin ich bei ihr, und ihr Kuss und überhaupt sie im Arm zu halten, das ist DAS Highlight des heutigen Tages. 

„Van Eessen, was zum Honk tun wir hier?!“ frage ich. Und hätte im selben Moment erkennen müssen, dass die Dusseligkeit dieser Frage ihr direkt in die Karten spielt. 

Wir küssen uns. Und wenn wir uns jetzt nicht augenblicklich auf den Weg machen, kriegt unser Chauffeur draußen Ärger, der steht im Parkverbot, oder ich fick dich gleich hier im Bahnhof. Aber das dürfte den Überwachungskameraaffen auch nicht gefallen… also komm, schwing deine Prachttitten und lass uns los.“

Vor dem Bahnhof steht ein schwarzer Minibus. Verdunkelte Scheiben. 

Dezenter Schriftzug, dass wir es hier mit einem VIP Shuttle zu tun haben. 

Der Fahrer, ein wunderschönes Prachtexemplar Ende 20 der Marke Denwürdeichsofortvernaschen schnappt sich meinen Koffer, begrüßt uns formvollendet und zieht die große Schiebetür auf. 

Drinnen ist es angenehm kühl, dunkle Ledersesssel empfangen uns, leise Musik aus unsichtbaren Lautsprechern lässt den irren Lärm dieses furchtbaren Bahnhofs sofort außen vor. 

„Also – ich höre!“ Jetzt ist es an mir, den Kommandoton anzuschlagen. 

Van Eessen sitzt mir gegenüber in Fahrtrichtung, streckt ihre Beine aus und legt sie links und rechts von mir auf die Armlehne. Ich bin überrascht, sie trägt wieder erwarten unter ihrem … Rock ein Kleidungsstück, das sich mit etwas Fantasie als Höschen bezeichnen ließe. 

Aus einer Kühlbox neben ihrem Sitz fingert sie eine geöffnete Flasche Champagner und zwei Gläser. 

Echtes Kristall, vermute ich. 

Ich habe uns ein VIP Event organisiert. Ein paar Leute hier schuldeten mir noch einen kleinen Gefallen.  Der nette Jerry da vorne ist so gut und bringt uns zum Hotel, du bist so gut und checkst ein und ich bin so gut und komme mit auf dein Zimmer und vernasche dich da.“

„Aha? Und dafür muss ich extra in diese Spinnerstadt fahren?“

„Jo. Musst du. Weil Jerry uns heute Abend nach dem Essen rüber in den Hafen zum Musical fährt.“

Ein Musical… wie nett… Zuhause in Berlin könnte ich jetzt bei gekühlten Getränken auf den Abend warten, die Laufklamotten anziehen und dann entspannt an der Spree entlang rennen. Anschließend noch drüben durch Kreuzberg streifen und mich bei exotischen Gastwirten durch unlesbare Speisekarten probieren…

Aber verliebte junge Frauen tun bisweilen seltsame Dinge und so lasse ich mich wieder einmal mitreißen von der Lebensfreude und dem Spaßenthusiasmus meiner geliebten wilden Irren, lasse mich von Jerry in dessen klimatisierter Luxuskarosse mit ihrem scheinbar unerschöpflichen Vorrat an Veuve Cliquot durchs abendliche Hamburg fahren, ertrage fast 3 Stunden lang ein groteskes Bühnenmärchen für kleine Kinder, in dem singende Gestalten mit teilweise aberwitzig großen Tierpuppen über die Bühne tänzeln. 

Zur Pause überlege ich, ob van Eessen es wohl merken würde, wenn ich rausginge und mich von Jerry um den überhitzten Verstand vögeln ließe…

Wir haben es überstanden. 

Jerry bringt uns zurück in die Stadt. 

Sandras wirklich großartigen Versuchen, ihn dazu zu bringen, jetzt Feierabend zu machen und den Rest der Nacht auf informeller Ebene mit seinen beiden Fahrgästen zu verbringen, erteilt er charmant aber bestimmt eine Absage: zu Hause würde sein Freund auf ihn warten…

Ach, in was für einer Welt leben wir?

Ich kann es bei der Verabschiedung nicht lassen, fasse Sandra zwischen die Beine und sage: „Ach Jerry, schade, dann muss ich eben doch Champagner aus dieser süßen Auster schlürfen…“


Responses

  1. dann magst du doch Austern 🙂 Zumindest gewisse Austern.
    Sei mir nicht böse Camilla, das etwas nuttiges im Schrank hast kann ich nicht glauben. danke für die schöne Erzählung.
    Ich mag zwar die Hamburgerinnen nicht so sehr aber die Stadt ist doch eigentlich ganz schön.

    • Siehst du Chris, da war es wieder: „eigentlich“… Das schlimmste anzunehmende Wort.
      Ich bin dir nicht böse, du darfst glauben, was du willst… 😜

      • Ich ziehe das eigentlich zurück.
        Das soll nicht heißen das ich den Anblick von Camilla in etwas nuttigem nicht sehr genießen würde 🙂

        • Definiere „nuttig“.
          Und erzähl mal, wie ein einmal gesprochenes Wort zurückziehen kann… 😜😜

          • das ist ganz einfach. Hamburg ist eigentlich ganz schön. Falsch.
            Hamburg ist schön !
            Nuttig: Unangemessen wenig Kleidung, zu offenherzig, zu geil, zu kurz zusätzlich noch betont mit hohen Stiefeln. So als wolle Frau auf Teufel komm raus jemanden abschleppen.

    • Vor allem ging es vordergründig nicht um die Auster an sich, sondern um das, was ich aus ihr zu schlürfen gedachte, bevor der hübsche Jerry sein Desinteresse bekundete… 😜

  2. Hach Jaaaaa…Ich solltem al wieder nach Hamburg fahren 🙂

    • um dort was genau zu tun? 😜

      • Vielleicht hab ich ja auch mal Glück und entdecke zwei schöne Frauen auf dem Bahnsteig 😛

      • Bei mir wird es aber wohl eher erstmal Bremen werden 🙂

        • In Bremen war ich mal. Vor vielen Jahren. Ich fand’s schön da. Was treibst du da?

      • Man hat Urlaub und die Arbeit lässt einen nicht ausspannen. Bin irgendwann im ersten Quartal für ein oder zwei Wochen in Bremen auf Lehrgang

    • Dann wünsche ich Dir viel Spaß in Bremen. Wir haben hier wirklich 2 schöne Frauen. sie liefen gerade an meinem Büro vorbei 🙂

      • Und da bist du nicht gleich hinterher …? 😜

        • Ich habe doch alles was ich brauche. Meine reale große Liebe, meine virtuelle große Liebe.


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