Verfasst von: LaScotia | April 18, 2019

Joyce

Es war eine wilde Achterbahnfahrt am Himmel.

Pete und ich hatten einige Zeit darüber diskutiert, ob ich es machen soll oder nicht.

Und klar, wenn, dann wäre jetzt sicher noch die beste Zeit dafür.

Es ging also irgendwann nur noch um das wie.

Wie komme ich dorthin?

Mit dem Auto von den Inneren Hebriden nach Westnorwegen würde ganz sicher 3 bis 4 Tage dauern. Pro Strecke.

Auch die regelmäßigen Flugverbindungen sehen sehr düster aus.

Also entscheide ich mich für die scheinbar komfortable Variante und telefoniere mit einer Handvoll Anbietern.

Am Ende sage ich nicht dem billigsten Angebot zu, das tue ich eigentlich nie, sondern dem günstigsten.

Wir verabreden die Startzeit, und wann ich wieder zurück will.

Und so stehe ich am Vormittag wie besprochen auf dem winzigen Flugplatz der Insel.

Umarme und Küsse meine Liebsten zum Abschied.

Verspreche den Kindern, ihnen etwas mitzubringen, obwohl ich noch keine Ahnung habe, was das wohl sein wird…

Die Piper Seneca sieht so verheerend klein und zerbrechlich aus. Mit diesem winzigen Flugzeug soll ich jetzt über die Nordsee fliegen? Welcher Teufel hat mich jetzt wieder geritten?

Ich ziehe meinen Trolley hinter mir her, drehe mich kurz vor dem Flugzeug noch mal um und winke den vier wichtigsten Menschen in meinem Leben zu.

Die Pilotin kommt um ihr Fluggerät herumgelaufen und begrüßt mich mit einem strahlenden Lächeln, das mich auf der Stelle für sie einnimmt.

Ich wusste, dass eine Frau mich fliegen würde. Ich war allerdings nicht auf Joyce vorbereitet.

Hundertsiebzig Zentimeter Gutelaunegarantie auf eine Figur verteilt, als würde sie sonst ihren Tag mit Triathlon verbringen.

Wir verstehen uns auf Anhieb.

Joyce erklärt mir kurz („Sorry, aber das ist eine Pflichtveranstaltung.“) die Sicherheitshinweise und zeigt mir dann, wie ich am besten die komfortable Kabine der Seneca besteigen kann, ohne mir einen Bänderriss oder ähnlich dusselige Verletzungen zuzuziehen.

„Du darfst natürlich auch vorne bei mir sitzen“, sagt Joyce fröhlich, „aber da hinten ist es wirklich viel bequemer, und da gibt es auch Kaffee und eine Kühlbox mit Getränken und kleinen Snacks. Wir sind immerhin ein paar Stunden unterwegs.“

Ich mache es mir schräge hinter Joyce bequem. Es ist wirklich alles da. Eine große Thermoskanne voll mit heißem, starkem Kaffee. Eine Kühlbox mit allen möglichen Getränken, sogar eine kleine Flasche Sekt sehe ich darin.

Die beiden Propeller machen einen ziemlichen Lärm beim Start, aber mit der Zeit gibt sich das wieder. Oder ich gewöhne mich daran, wer weiß…

Wir werden, sagt Joyce, als wir in 22.000 Fuss Höhe über Applecross Kurs auf die Orkneys nehmen, etwa dreieinhalb Stunden brauchen. Von den Orkneys geht’s über die Shetlands weiter über die Nordsee nach Ålesund an der norwegischen Westküste.

Ich mag Joyce, ich mag die unaufgeregte Art, mit der sie mir zu jeder Sekunde zu verstehen gibt, immerzu Herrin der Lage zu sein. Wie sie eine Sicherheit verkörpert, die Vertrauen einflößt.

Nach den Orkneys ist Schluß mit guter Sicht, Wolken verdecken die Sicht nach unten und die kleine Piper muss sich heftig schütteln, um gegen das schlechter werdende Wetter da draußen anzufliegen.

Es geht rauf und runter und dieser Flug ist tatsächlich so etwas wie die längste Achterbahnfahrt meines Lebens. Zum Glück stört mich sowas nicht wirklich. Zum Glück, denn bei allem Komfort hier oben: ein Klo sucht man in dem kleinen Flugzeug vergebens.

Ich frage Joyce, dieses fröhliche Mädchen von vielleicht 27, 28, allerhöchstens 30 Jahren, woher sie kommt und wie lange sie schon fliegt.

Joyce erzählt mir, dass sie ursprünglich von Trinidad und Tobago kommt, ihre Mutter sich dann irgendwann in einen britischen Luftwaffenoffizier verliebt hat und mit dem nach England zog. Okay, das erklärt ihre wunderbare Haarpracht und ihre wunderschöne Hautfarbe.

Sie war sieben, als ihr „Dad“ – sie nennt ihn so, weil er für sie ihr Dad ist und sie ihren leiblichen Vater nie kennengelernt hat – sie zum ersten Mal auf einen Flugplatz mitnahm und sie mit ihm in einer einmotorigen Cessna fliegen durfte. In dem Moment war Joyce klar geworden, dass sie in ihrem Leben nie etwas anderes machen wollte als zu fliegen.

Mittlerweile ist sie 29, sagt sie, und sie hat mittlerweile alle notwendigen Lizenzen, um Menschen von A nach B durch die Luft zu befördern. Sie sei früher auch mal eine Zeitlang Langstrecke geflogen mit Lear Jets, aber das war ihr auf Dauer zu öde.

Schließlich, so doziert Joyce weiter, sei beim fliegen doch nicht das stupide starren auf die Instrumente und alles dem Automaten überlassen das A und O, sondern Start und Landung. Mit dieser wunderschönen kleinen Piper könne sie auch auf einer Viehweide landen oder auf einem Strand, wenn es sein muss. Hauptsache, sie habe nur ein paar hundert Meter Platz zum geradeaus fahren…

„Wenn du auf dem Rückflug hier vorne sitzen möchtest, zeige ich es dir mal.“ Okay, das Angebot nehme ich natürlich an.

Der wilde Ritt über die Nordsee ist gleich vorbei, Joyce funkt mir unverständliches Kauderwelsch in ihr Mikrofon und dreht sich dann zu mir um. „Wir müssen noch ein bißchen warten in Ålesund, Camilla, die wollen erst zwei solche dicken Flugwürste runterhaben. Sollen wir dann nicht eine kleine Extrarunde fliegen und uns deine Inselchen mal aus der Luft ansehen?“

„Flugwürste?“ frage ich.

„Ja, diese dicken Würste, wo sie ein paar hundert Leute reinstopfen und ihnen Flüge für 10 £ andrehen. Das hat doch nichts mit fliegen zu tun, das ist doch nicht ästhetisch!“

Ich muss lachen. Sie gefällt mir sehr, meine freche tolle Pilotin aus der Karibik.

„Wie geht es für dich weiter?“, will ich wissen, „wohin fliegst du nachher?“

„Auftanken, was essen und dann hab ich einen Job unten in Stavanger. Ich hole da ein paar Leute ab und bringe sie rüber nach Aberdeen. Geht mich nichts an, aber in dieser Kombination klingt das für mich sehr nach irgendwas mit Öl…“

Da unten, zeigt Joyce aus dem Fenster, das müsste es sein. Sie wirft noch einen Blick auf die Landkarte auf ihrem Schoß, und nickt. Ich finde das so bemerkenswert in der heutigen Zeit. Eine Landkarte. So ein richtiges Faltenmonster aus echtem Papier…

Es ist seltsam. Wir fliegen über ein paar Inseln hinweg, wie es sie hier zu Dutzenden gibt. Aber diese da unten…. Was wollte Shlomo mit ihnen? Und was soll ich damit?

Wenig später landen wir in Ålesund. Joyce und ich verabschieden uns. Ich laufe mit meinem Trolley zur norwegischen Einreisekontrolle, sie fährt mit der Piper weiter auf die andere Seite des Rollfeldes zur Tankstelle für die Kleinflugzeuge.

In ein paar Tagen holt sie mich hier wieder ab.

Ich winke ihr nachdenklich hinterher. was wird mich hier erwarten in den kommenden Tagen?


Responses

  1. Es bleibt ja spannend bei dir Cami. Danke für die wunderbare Erzählung. Good luck für Dich und das was Du vorhast.

    • Vielen Dank, lieber Chris 😘

  2. alles gute, mögest du finden, wonach du suchst.

    • Schauen wir mal. Erst müsste ich ja definieren, ob ich überhaupt etwas suche und wenn ja, was…

  3. Was auch immer du vorhast: unsere Daumen sind gedrückt.

    … und viel Vergnügen beim Rückflug!

    • Lieben Dank. Er war toll!!

  4. ,Ich laufe mit meinem Troll(e) zur norwegischen Einreisekontrolle … ‚

    Normalerweise nimmt man diese mit … ☺

    • Danke für den Hinweis. Ich hab das berichtigt 😅


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