Verfasst von: LaScotia | August 8, 2017

Die Unnahbare

Sie war eine Unnahbare. 

Fast schien es so, als würden sich vor ihrer Schönheit alle fürchten. Vor allem Männer mit diesem weit verbreiteten „Bei einer so schönen Frau habe ich kleiner Durchschnittstyp sowieso keine Chancen.“-Komplex hatten große Probleme im persönlichen Umgang mit ihr. 

Man munkelte, dass Fotografen und Magazine hohe fünfstellige Summen dafür ausgaben, sie einmal vor die Kameras und auf ihre Titelseiten zu bekommen. 

Sie wurde praktisch nie angesprochen, außer von vorwitzigen Autogrammsammlern, denen sie dann sehr freundlich und ohne jede Allüren Autogramme gab. 

Auf Postkarten, Poster, Magazincover, T-Shirts und wer weiß wohin. 

Wenn man sie nicht ansprach, antwortete sie natürlich auch nicht. 

Ein Kreis, der nicht aufhören wollte sich zu drehen. 

Ein Kreislauf, der ihr schnell den Ruf einbrachte, die Unnahbare zu sein, die eiskalte, arrogante Schönheit. 

Was viele noch mehr verstörte, wenn sie sie mal sahen: ungeschminkt, nur in Jeans und T-Shirt sah sie morgens bei ihrer Runde ums Frühstücksbüffet im Hotel mindestens genauso schön aus wie auf den Titelblättern, wo sie regelmäßig von übermotivierten Photoshop-Aktivisten nahezu bis zur Unkenntlichkeit verschandelt wurde. 

Unsere Wege kreuzten sich vor einigen Jahren. 

Beide waren wir sehr unachtsam unterwegs, mit unseren Gedanken woanders, und wir rasselten zusammen. 

Das heißt, ich rasselte gegen die Tür, die die Unnahbare in dem Moment von der anderen Seite mit etwas zu viel Schwung aufriss und sie mir so vor den Kopf knallte. 

Ich taumelte zurück, mein Handy flog im großen Bogen durch die Luft und zerschellte auf dem unnachgiebigen Fliesenboden im Wellnessbereich des schönen Hotels, und ich begann zu schimpfen wie der berühmte Rohrspatz. 

Die Unnahbare war plötzlich gar nicht mehr so unnahbar, sondern sorgte sich rührend um mich, stammelte tausend Entschuldigungsformeln und wie sehr ihr ihre eigene Dummheit doch leid täte. 

Alles gut, sage ich, ist doch nichts passiert. War ja meine eigene Dusseligkeit. 

Alles andere als unnahbar lachte die kühle Schönheit ein herzliches, warmes lachen und ließ sich dieses für sie fremde Wort von mir erklären. 

Und so weiter und so fort…

Sie ließ es sich nicht nehmen, mich persönlich auf mein Zimmer zu begleiten bis endgültig klar war, dass mir bis auf eine kleine Beule an der Stirn, einen blauen Fleck an meinem Hintern und eben das kaputte Smartphone wirklich nichts passiert war. 

War ja auch wirklich zum großen Teil meine eigene Schuld. 

Die Unnahbare entschuldigte sich wortreich und alles andere als unnahbar, dass sie jetzt leider los müsse, aber sie sei noch ein paar Tage in der Stadt und eventuell dürfe sie sich heute Abend mal erkundigen, wie es mir geht?

Ja, durfte sie, denn auch ich hatte hier noch etwas länger zu tun. War halt nur sehr doof, dass mein iPhone hinüber war. 

Es dauerte dann ganz genau 70 Minuten. 

Es klopfte an der Tür. 

Draußen einer dieser emsigen, immer freundlichen Hoteldiener mit einem auf Hochglanz polierten Servierwagen. 

Darauf ein unanständig großer Blumenstrauß mit einer Karte darin, eine Flasche Champagner im Eiskühler und eine Tüte vom örtlichen Fachhändler mit dem angebissenen Apfel im Logo. 

Darin das neueste Modell, originalverpackt. 

Ich war fassungslos. 

Öffnete die Karte. 

Mit schöner, gerader Handschrift stand da: Es tut mir so leid. Rufen Sie mich bitte an, ich möchte gern wissen, wie es Ihnen geht

Darunter eine Telefonnummer. Ausländische Vorwahl, deren Herkunft mich etwas überraschte. 

Ein iPhone ist relativ schnell in Betrieb genommen, und dank regelmäßiger Sicherungen auf meinem Notebook hatte ich den kleinen, nagelneuen Spaßmacher auch sehr schnell wieder auf dem Stand von vor dem Türencrash im Wellnesstempel. 

Ich tippte die Nummer. 

Grünes Feld. 

Verbindungsaufbau. 

Zweimal Klingeln?

Ja?, fragt sie mit ihrer warmen Stimme in ihrer Sprache. 

Ich bin die mit den Blumen., sage ich, mit dem Champagner und dem neuen iPhone. Spinnen Sie, was soll das?

Ihr wunderschönes, warmes Lachen wärmt mein Herz. 

Schön, wenn Ihnen meine kleine Entschuldigung gefällt. Wie geht’s Ihnen?

Ich denke ein, zwei Sekunden nach. 

Wie wäre es, wenn Sie zu mir in mein Zimmer kommen und ich es Ihnen bei einem Glas Champagner sage?, frage ich. 

Gut. Um Neun. Heute Abend. Klick. 

Um Punkt Neun klopft es an meiner Tür. 

Die Unnahbare steht vor mir. Überirdisch schön. Vielleicht ist das völlige fehlen eines Makels das, was mich an dieser Perfektion stört, ich weiß es nicht. Aber das ist mir egal, denn ich mag diese Frau und ich spüre, dass sie alles andere als unnahbar ist. Oder gar arrogant. 

Wir sitzen in der kleinen Sitzgruppe meiner Junior Suite, sie auf dem Sofa, ich ihr gegenüber auf einem der beiden Sessel. 

Den zweiten Sessel habe ich mir so hingeschoben, dass ich meine Füße hochlegen kann, nicht nur die Unnahbare hatte einen langen und schweren Tag. 

Wir prosten uns zu, leise klirren die Gläser aneinander. 

Ab diesem Moment reden wir uns mit Vornamen an und duzen uns. In unseren jeweiligen Sprachen gibt es diesen Unterschied. 

Sehr nett. Sehr … beinahe intim. Sehr schön und kurzweilig. Sehr vertraut. 

Sie steht irgendwann auf. 

Ich habe eine Bitte., sagt sie, in diesem Moment wieder sehr distanziert und wirklich unnahbar. 

Ich hebe nur eine Augenbraue. Zeichen dafür, dass sie meine Aufmerksamkeit hat. 

Meine Nummer haben nur etwa zwei Dutzend Menschen. Weltweit. Bitte! Bitte gib sie nicht weiter. Vor allen Dingen nicht der Presse!

Ich nehme sie einfach nur still in den Arm.

Wie einsam muss ein Mensch sein, dessen Sorge nach einem so schönen und harmonischen Abend diesem Thema gewidmet ist. 

Ich verspreche es dir., sage ich und ertrinke in diesen unbeschreiblichen Augen. Bleiben wir in Kontakt?

Ja, sicher., sagt sie. 

Umarmt mich zum Abschied und verschwindet aus meinem Zimmer. 

Und für die nächsten beinahe zwei Jahre aus meinem Leben. 

Dann meldet sie sich. 

Ist enttäuscht, dass ich nicht mehr dort bin, wo wir uns trafen. Weil sie gerade da ist und sich auf mich gefreut hat. 

Ich erzähle ihr, wo ich jetzt bin. Was ich so treibe. Dass sie mich nach zwei Prinzessinnen und dem dritten Stöpsel im Anmarsch garantiert nicht wieder erkennen würde. 

Sie lacht. Freut mich, dass du keine Klatschblätter liest., sagt sie. Mir geht’s ähnlich. Vielleicht lassen wir unsere Kinder mal aufeinander los?

Ich krame eine uralte Modezeitschrift aus der Schublade. Eine, die einmal der wilden Irren gehörte. Der großen Liebe meines Lebens. 

Nehme diese Zeitschrift mit raus ans Feuer. 

Wir bekommen demnächst Besuch, mein Süßer., sage ich. 

So? Wen denn?

Ich gebe ihm die Zeitschrift. Spüre, wie sein Atem einen Moment aussetzt. 

Keine Sorge, Teufel., sage ich leise und grinse ihn an, dies ist nur Photoshop. 

Und ich frage mich beim Blick ins Feuer, ob die Unnahbare heute immer noch ohne diesen technischen Hokuspokus so sehr viel schöner ist als ohne. 

Bald werde ich es wissen. 

Ich freu mich auf sie. 


Antworten

  1. Ich freue mich, wenn Ihr alte Freunde trefft.
    Egal wer sie ist. Hauptsache Ihr sei befreundet. Alles andere ist doch unwichtig. Wenn sich Eure Kids, ob nun Prinzen oder Prinzessinnen (wir haben beides und inzwischen (fast) erwachsen) miteinander verstehen (und das tun Kinder in dem altersbereich fast immer) ist es doch besser als alles andere.

    Genießt Eure Freundschaft und genießt Eure Kinder. Die Zeit mit diesen wunderbar süßen, kleinen, fantastischen Mäusen geht so schnell vorbei.

    • Lieben Dank für deinen netten Kommentar.
      „Freunde“, soweit würde ich noch nicht gehen. Dazu fehlt sicher noch einiges, was aber für mich durchaus ausbaufähig ist.
      Erstmal freue ich mich riesig, dass sie sich wieder gemeldet hat und dass sie hierher kommen will.
      Und dann schauen wir mal weiter.
      Und du hast recht: es ist so irre, wie schnell aus kleinen, hilflosen Babys ein Sack voll Flöhe wird, die sich sehr renitent jedem Versuch, sie hüten zu wollen, widersetzen… 😂🙄
      Ganz liebe Grüße
      Cami 😘

  2. Oh, das klingt schön, dass ihr euch bald wiedersehen könnt!

    • Bald ist relativ. Irgendwann Anfang nächsten Jahres wird es was. Wir wollen erst mit unserem Umbau fertig werden und dann gibt’s ja auch noch so ein kleines Thema „No3″… 😘

  3. Wie schön – vielleicht zukünftig nicht nur Bekannte, sondern Freunde. Leute, die gemeinhin als „Promis“ durchgehen sind – wenn man ab und an mit ihnen zu tun hat (beruflich) auch nicht anders als „Nichtpromis“. Da gibt es wahnsinnig nette, völlig allürenfreie, denen in erster Linie daran gelegen ist, ungestört zu sein. Und es gibt völlig übergeschnappte.
    Nach ein paar Jahren Erfahrung lernt man: Ganz häufig ist die Übergeschnapptheit und die Allüren diametral zum echten Ruhm. Die, die wirklich A-Liga sind, sind meist sehr sehr freundlich, höflich und dankbar für jeden Gefallen, der ihnen ein eine Art „Normalheit“ ermöglicht.
    Die, die eher „Endalphabet-Prominenz“ sind, sind die, die Szenen machen, Paparazzi bestellen und generell kapriziös und schwierig sind.

    Eine Freundin und ich haben zumindest durch unsere Jobs diese Erkenntnis gewonnen. (manche waren sehr sehr anstrengend….)

    • Ja das kann ich genauso bestätigen. Und die meisten genießen es einfach, nicht auf ihre jeweilige Kunst, Aussehen, Sport oder was sie sonst zu „Promis“ macht, angequatscht zu werden, sondern einfach nur als ganz normale Menschen behandelt zu werden.
      Aber auch da gilt: wie du in den Wald rein rufst…

      • A-Promis…Ich habe auch einige von ihnen getroffen: Bundeskanzler, Minister, Bischöfe, Generäle. Und es ist exakt so wie ihr es schildert: Je echter die „Prominenz“, desto geringer die Allüren, zumindest, wenn man sie unter wenigen Augen trifft. Dann sagt ein Bundeskanzler mit einem Augenzwinkern und einem sympatischen Lachen schon mal Dinge, die man eher der Opposition zugetraut hätte. „Muss aber unter uns bleiben…“
        Wem sollte man es auch erzählen? Würde einem ja sowieso keiner glauben.
        Und wenn man dann doch mal auf eine / einen stößt, die glauben, sie seinen der Nabel der Welt, hilft eine alte Weisheit, die mir mein Opa vererbt hat: „Stell sie dir in Unterwäsche vor, dann sind sie plötzlich ganz durchschnittlich!“ Ein Trick, der übrigens auch bei arroganten Chefs hervorragend hilft! 😉


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