Verfasst von: LaScotia | Februar 29, 2016

Cabrio

Sie ist jung. 

Sie ist schön. 

Sie genießt ihr Leben. 

Sie ist das schmückende Anhängsel des megacoolen Primaten auf dem Fahrersitz. 

Ihre Haare fliegen ihr lässig ums Gesicht. 

Die Haarspitzen pieren ganz gemein in ihren Augen. 

Aber das macht nichts, denn sie ist so schön. 

Sie ist die coole Braut auf dem Beifahrersitz. 

Das Dach ist auf Knopfdruck sirrend und zischend im hinteren Blech verschwunden. 

Alle Scheiben sind runtergefahren. 

Aus der Soundanlage des Autos, von der sie nicht ansatzweise eine Ahnung hat, wie teuer sie war, hört sie neben dem Wind nur ein verzerrtes WUMMWUMMWUMM…

Noch weiß sie nicht, dass sie morgen ihren Kopf nicht mehr bewegen können wird. 

Die Zugluft jenseits der 160 km/h merkt sie kaum, und doch wird sie morgen einen steifen Hals haben. 

Aber wann ist schon morgen?

Heute ist wichtig. 

Heute ist sie doch schön. 

Heute fliegen ihre Haare so herrlich im eiskalten Frühlingswind. 

Und er da neben ihr auf dem Fahrersitz?

Ein Traum, oder?!

Für ihn, denkt sie sich, würde sie jeden Schmerz ertragen. 

Jeden. 

Und dann schaltet er den Gang runter, tritt das Gas durch und setzt gegen die Sonne zum Überholen an. 

Gegen die Sonne. 

Gegen die Vernunft.

Gegen den Kieslaster, der von vorn kommt und nichts mehr tun kann…

Ihre Eltern sollen später Trost finden in den Worten des Polizisten, der ihnen sagt, es sei alles so schnell gegangen, sie hätte keine Zeit mehr gehabt, um Angst zu haben. 

Keine Zeit mehr für Schmerzen oder Gedanken. 

Sie sei „sofort tot“ gewesen. 

Wer weiß schon, was das ist?

Wer will sich anmaßen zu entscheiden, was man in der Sekunde davor denkt oder fühlt?

Und nein, es ist keine gute Idee! Sie sollten Ihre Tochter nicht mehr sehen. Behalten Sie sie bitte so im Gedächtnis, wie Sie sie kannten.

~~~

Für Sina

16.05. 1984 – 29.02. 2008


Responses

  1. Keine Geschichte, die froh macht. Mein Sohn hat letzten Montag auf der A2 meinen Wagen geschrottet. Zum Glück ist er heil und gesund. „Überleg dir mal, ich wär einfach weg gewesen, einfach so …“ waren seine Worte … Er ist grade 21.

    • Ich drück dich mal ganz still. Gib ihm diese Umdrückung bitte weiter und lass ihn den Text lesen. Möge er sein Glück nicht mehr allzu oft so herausfordern. Sina war 23. lebensfroh. Lustig. Mitten im Leben. Ich bin froh dass dein Sohn es nur mit einem Schrecken überstanden hat. 😘

      • Das mach ich … 🙂
        Ich denke, das war für ihn eine Erfahrung , die für’s ganze Leben reicht …

        • Hoffe ich mit für ihn. Blech ist ersetzbar. Aber Leben? Ja, es ist eine dunkle Geschichte… Wollte nichts aufwühlen bei dir. Aber heute war der Tag, wo sie raus musste. Hoffe, du verstehst das. 😢

          • Ich kann das wirklich gut verstehen. Ein Leben kann entsetzlich schnell vorbei sein. Um so mehr freut es mich auch, wenn, wie bei euch, ein Leben brandneu beginnt … Viel Glück wünsche ich euch und der 2. Prinzessin … 🙂

          • Vielen lieben Dank. 😘😘

    • Ein „zum Glück“ unbekannterweise. Und das auch noch auf der A2, wo so viele schwerwiegende und oft tödliche Unfälle passieren. …

  2. Menschen versuchen manchmal, etwas schönzureden, um es (für andere) erträglicher zu machen – wie die Polizisten. Sowas stimmt mich traurig. Das Leben kann so schnell vorbei sein.

    Mein Beileid und fühl dich gedrückt – wenn du magst.

  3. Tja, so eine Geschichte hat leider jeder in unserem Alter im Gepäck. Macht es nicht besser

    • Stimmt. Aber wir können sie den jungen Wilden erzählen. Wenn wir nur einen einzigen solchen Unfall damit helfen können zu verhindern, haben wir gewonnen.

      • Oh ja. Was kann ich jetzt meine Mutter viel besser verstehen, wenn sie nicht schlafen konnte bis ich wieder zuhause war.

        • Zum Glück dauert es bei uns noch eine ganze Weile, bis die Prinzessinnen die Welt erobern wollen… 🙄

  4. Mein Gott wie entsetzlich. Ich habe solche Dinge leider auch schon zu oft mitbekommen müssen.

    • Wie Sir Alec schon sagte, ab einem gewissen Alter kennt wohl leider jeder so eine oder sehr ähnliche Geschichte…

  5. 😢😢😢😢😢

    • Schön, dich auch mal wieder hier begrüßen zu dürfen, lieber Alex. ❤️😘 Hoffe, dir geht’s gut?

      • Tut mir leid, dass ich mich so rar gemacht habe 😦 ich hab einiges verpasst, dass aufzuholen bedarf einiger Zeit 😦 auf der Arbeit ist so viel los, dass ich kaum Zeit für schöne Dinge habe.

        Aber um deine Frage zu beantworten, soweit geht es mir gut. Und euch? :-*

        • Danke, ja. Alles im Schnitt bei 9 von 10 Punkten! 👍🏼👍🏼

          • Na das höre ich doch gern 🙂

  6. Zum Glück bin ich in meinem Leben bis jetzt von solchen Dingen verschont geblieben.

    Traurige Begebenheit. „Sofort tot“ ein fragwürdiger Trost.

    • Ich habe damals Fotos von dem Auto gesehen. Ja, in dem Moment war es wirklich ein wenig tröstlich. 😢

      • Okay.

        Ich kenne die „sofort tot“-Thematik aus dem Kontext eines Suizids heraus. Und da war es halt ein schwacher Trost.

  7. Unbegreiflich, nicht wahr?

    Ich habe auf diese Art – plötzlicher Unfalltod – mehrere Freunde und Bekannte verloren, bin einmal persönlich zu so einem Unfall als Ersthelfer dazugekommen (das Auto, das den Lkw eigentlich überholen wollte und dann zu früh wieder eingeschert ist, war noch einen dreiviertel Meter hoch und einen halben Meter breit…) und einmal habe ich selbst den entgegenkommenden Transporter gefahren.

    Es war jedes einzelne Mal ein ziemlich beschissen-hilfloses Gefühl…

    Und ja: du hast Recht – wir sollten unsere Geschichten oft, sehr oft erzählen. Vielleicht trägt es ja manchmal doch dazu bei, dass jemand genau deswegen nicht überholt, langsamer tut wenn die Straßenverhältnisse es gebieten oder sich zum Selbstmord keinen entgegenkommenden, vollbesetzten Kleinwagen auswählt, damit er nicht so allein sterben muss.

    • Mehrere gleich? Ach du Sch… das tut mir leid. Ich wollte hier wirklich nicht alte Wunden aufreißen. Aber an ihrem Todestag denke ich an sie… 😢

      • Ist kein Problem. Ich kann ein ziemlicher Fatalist sein in solchen Dingen. Mir fehlt sogar zu den meisten Fällen die konkrete Erinnerung an den Todestag (ich hab’s nicht so mit Kalendern…)

        Das menschliche Leben ist nunmal endlich und wir wissen zum Glück nicht wann es so weit ist, abtreten zu müssen. Da sollte man sich auch ab und zu dran erinnern und jeden Tag leben als wäre es der letzte, den man zu leben hat. Vielleicht ist er’s ja wirklich… 😉

  8. Bei der Geschichte muss man erst einmal schlucken…

  9. 😦
    Ich bin so froh, dass ich solche Erzählungen nur von Anderen kenne und sowas noch nie direkt in meinem Umfeld passiert ist. Aber jedesmal wenn ich so etwas lese, fühlt sich mein Herz von einer eiskalten Faust umfasst und zusammengedrückt. Es ist soooo dermaßen traurig, wenn Menschen wegen Selbstüberschätzung Anderer umkommen…..

    • Das ist genau meine Motivation: bitte erzähle diese Geschichte immer weiter!
      Wenn nur ein einziges Leben dadurch gerettet werden kann, haben wir alle gewonnen. Bitte.

      • Werde ich machen – das blöde an Selbstüberschätzung und Unvernunft ist, dass sie meist Beratungsresistent ist… 😦


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