Verfasst von: LaScotia | März 11, 2014

Mike, der Pscho

In einer Kette von kausalen Zusammenhängen darf Mike natürlich nicht unerwähnt bleiben.

Schlussendlich war es dieser Typ, vor dem ich aus meiner kleinen, vertrauten Welt geflüchtet und schließlich auf dem Schiff gelandet bin, auf dem ich dann die wichtigste Person in meinem Leben kennen- und liebenlernen durfte.

Wir, also Mike und ich, lernten uns beim Sport kennen. Es war die Zeit, als ich wie besessen an meinen weiteren Ju-Jutsu-Fertigkeiten feilte, um den Psychopathen dieser Welt zumindest ein Höchstmaß an körperlichem Schmerz zufügen zu können, sollte sie je wieder in Versuchung geraten, mir irgendetwas in den Arsch rammen zu wollen

Diese Besessenheit hätte ihn vielleicht warnen sollen, aber nun ja, Mike war sehr in mich verliebt, das vernebelt so manche Sinne, und ich fand ihn ja auch sehr nett und sexy…

Es ging zunächst alles sehr gut mit uns, wirklich.

Ab und zu trafen wir uns abends nach dem Sport, gingen ins Kino, Wochenende in die Disco, was man halt so macht als junger Mensch.

Es war lange her, dass ich einen Mann an mich herangelassen hatte, und verdammt noch mal, ich vermisste und brauchte es. Kein schönes Gefühl, pausenlos auf Reserve zu laufen, finde ich.

Mike war süß und lieb und zurückhaltend, und das gefiel mir so an ihm. Ich hatte ihm schonungslos erzählt, was mir vor einigen Jahren passiert war, und dass der Knacks in meiner Seele irgendwie noch immer nicht wieder in eine so gerade Kerzenform gezogen war, wie ich mir das gewünscht hätte.

Er hörte zu, er hielt sich aufopferungsvoll im Hintergrund, und dafür liebte ich ihn.

Fast.

Ein bisschen.

Im Nachhinein hätte ich natürlich durch gewisse Beobachtungen und Aktionen gewarnt sein müssen, aber bedenkt bitte, dass auch ich dabei war, mich sehr in diesen lieben Jungen zu verlieben.

Nach dem ersten Kuss die Kehrtwende.

Mike betrachtete mich nicht als seine Freundin, was ja normal und richtig gewesen wäre, sondern als sein Eigentum. Über das er ganz allein zu bestimmen und zu herrschen hatte.

Dieser Typ würde nie auf die Idee kommen, seinen Hund von der Leine zu lassen, er ist so eher der dicke Macker mit dem Stachelhalsband.

Selbst dann, wenn der Hund an der Leine nur ein kleiner Dackel wäre, das Stachelhalsband ist ein MUSS für Menschen wie Mike.

Er war übrigens einer von maximal drei Männern in meinem Leben, mit denen Sex zu keinem Zeitpunkt schön war oder gar Spaß und Erfüllung gebracht hätte.

„Wo warst du!“

„Was meinst du?“

„Hey, wo du warst, will ich wissen! Wir waren um fünf verabredet, nicht um viertel nach! Also: wo kommst du jetzt her, du Schlampe!“

So fing es an…

Es endet damit, dass ich mich nach einigen, endlos erscheinenden Wochen von ihm getrennt habe.

Frau kann bei so einer Trennung enorm viele Fehler machen, das habe ich gelernt.

Fehler Nummer eins: ich habe es leider versäumt, das Schloss an meiner Wohnungstür auszuwechseln. Aber konnte ich denn wirklich ahnen, dass der sich einen Nachschlüssel besorgt hatte…?

Fehler Nummer zwei: wenn du gerade in die Nummer des ersten Fehlers gelaufen bist und der Typ dich in deiner eigenen Wohnung überraschfällt, solltest du niemals mit ihm zu reden oder diskutieren anfangen, sondern sofort das Weite suchen und die Polizei rufen!

Fehler Nummer drei: Lass dich nie – NIEMALS! – von ihm belabern. Vergiss sein freundliches Getue, und drehe ihm unter gar keinen Umständen jemals wieder den Rücken zu!

Der Tritt kam genau wie ein solcher, von hinten genau in mein Kreuz, und er schleuderte mich nach vorne. Ich verlor das Gleichgewicht und knallte der Länge nach auf den Boden. Bevor ich reagieren konnte, saß er nicht nur auf mir, nein, er sprang mir geradezu in den Rücken.

Diese Szene kam mir seltsam vertraut vor, und es geschah erstaunliches mit mir. Ich war gerade in der Vorbereitung auf die Prüfung für den braunen Gürtel, also ein bisschen was konnte ich schon.

Mike wusste zwar, dass ich Ju-Jutsu trainiere, aber ich glaube, wie weit ich schon war, hatte er nicht so mitbekommen.

Liebe Herren, auch für Euch gilt es, im Falle einer Trennung einige Punkte zu beachten.

Punkt eins: wenn ihr schon soweit seid, eure bis vor zwei Tagen noch geliebte Freundin („Du kannst mich nicht verlassen, ich bete dich doch an! Ich küsse den Boden, über den du läufst!“) mit Füssen zu treten und sie auf den Boden zu werfen, dann unterschätzt sie gefälligst nicht. Es könnte weh tun…

Punkt zwei: erkennt gefälligst, wenn es Zeit für euch ist, das Schwänzchen einzuziehen und aus dem Leben der unter Punkt eins beschrieben Person zu verschwinden. Ihr erspart euch selbst unter Umständen eine Menge Schmerzen.

Wie auch immer ich mich wieder unter Mike raus gegraben habe, wir saßen uns auf dem Boden gegenüber.

Ich brachte es sogar fertig, den Idioten anzulächeln.

Reichte ihm meine Hand und sagte „Na komm, hilf mir mal hoch.“

Punkt drei, Jungs: greift NIEMALS nach der Hand einer Frau, die ihr eine Minute vorher per Fußtritt auf den Boden geschleudert habt!

Ich glaube, Mike hat es nie wirklich ganz begriffen, wie es sein konnte, dass er mit einem Mal durch meine Wohnung flog.

Wäre ich etwas vorsichtiger vorgegangen, nun, ich hätte mir nicht am Tag danach einen neuen Flurschrank zu kaufen brauchen. Aber konnte ich denn wissen, dass diese skandinavische Selbstbaupappe nichts, aber auch wirklich gar nichts aushält?

Es muss ein mächtiges Getöse gegeben haben, als erwähnter Schrank mitsamt Inhalt über Mike zusammenbrach und ihn unter sich begrub.

Noch lauter muss das Getöse gewesen sein, als die wilde Furie ihn plötzlich aus diesen Trümmern hervorzog.

Mike, winselnd und plötzlich lammfromm, ging unmittelbar vor mir die Treppe nach unten in Richtung Haustür.

Das Wunderbare an der Selbstverteidigung ist ihre relativ simple Anwendung: frau braucht nur zu wissen, welches Gelenk sich von Natur aus in welche Richtung bewegt. Mit sanftem Gegendruck wird dann das Gelenk in die entgegengesetzte Richtung gedreht, und wenn der so behandelte nicht möchte, dass es gleich irgendwo in seinem Körper laut kracht und zerberstende Knorpel und Knochen unter Umständen für irreparable Schäden beispielsweise im Ellenbogen sorgen, wird er ohne jeden Widerstand tun, was man von ihm verlangt.

In diesem Falle humpelte Mike einfach nach draußen auf die Straße, hörte sich von mir noch einen Spruch an („Wenn du mir je wieder zu nahe kommst, können sie dich nicht mal mehr in der Charité zusammenschrauben, du Arschloch!“) und trollte sich wie ein geprügelter Köter.

Ich bin weiß Gott nicht stolz darauf, aber zu viel war einfach zu viel!

Fehler Nummer vier, meine Damen: geht unter keinen Umständen in den nächsten sagen wir acht bis zehn Tagen nach einer solch filigranen Trennung, an euer Telefon, wenn es klingelt. Egal, wie oft und zu welcher Tageszeit es klingelt. Geht einfach nicht ran!

Das Missachten dieses guten Ratschlags führte bei mir fast zu einer Psychose, und ich stand nach wenigen Tagen vor der Wahl: entweder er oder ich! Es kann nur einer weiterleben.

Selbst in dem kleinen Reisebüro, in dem ich arbeitete, rief Mike mehrmals täglich an, belästigte mittlerweile auch meine Kolleginnen und beschmierte unser kleines Schaufenster mit allerlei sexistischen Sprüchen, für die er im Verein der Makroschwänzchen ganz sicher mit einem Orden belohnt wurde.

Und dann kam – ich war mit meinen Nerven mehr als am Ende – eines Tages die Rettung über den Ticker: „Die Reederei … sucht zu sofort oder später eine Reiseverkehrskauffrau zum Einsatz auf ihrem Kreuzfahrtschiff …“ Den Absatz mit den Aufgaben, die an Bord zu erledigen waren, las ich nicht mehr. Ich hätte auch auf Hoher See außenbords in einem Korb gesessen und den Rumpf während voller Fahrt voraus neu angestrichen.

Ein Telefonat.

„Könnten Sie morgen Vormittag nach Amsterdam kommen, Frau Fredriksson? Wir möchten Sie gern kennenlernen.“

Morgens Flug Tegel – Schiphol.

Gespräch. Kurz. Sehr gut. „Bitte warten Sie einen Moment draußen, Frau Fredriksson, wir möchten uns ganz kurz beraten.“

Es dauerte wirklich nicht lange, aber für mich war dieses warten auf ein neues Leben, weit weg von Mike, dem Psycho, eine quälende Ewigkeit.

Dann: „Frau Fredriksson, für Sie spricht Ihre sofortige Reisebereitschaft. Wir wollen Sie haben. Aber wir werden Ihnen Einiges zumuten, fürchte ich: Sie bekommen von uns ein Rückflugticket nach Tegel. In zwei Stunden fliegen Sie zurück, packen zu Hause ein paar Sachen, regeln Sie dort alles, verabschieden Sie sich von Ihrer Familie, Ihren Freunden. Und morgen fliegen Sie mit der ersten Maschine wieder zurück nach Schiphol, und von hier aus weiter nach Miami. Dort werden Sie dann am Nachmittag einschiffen und für 12 Monate an Bord bleiben. Einverstanden? Dann unterschreiben Sie bitte hier unten rechts. Wir freuen uns auf eine angenehme Zusammenarbeit mit ihnen, Frau Fredriksson.“

Mit meinen beiden Kolleginnen im Reisebüro gab es zum Glück keinen Stress, sie hatten es ja auch eingesehen, dass es besser für uns alle wäre, wenn ich erst mal verschwinde.

Mein Vermieter stellte sich etwas mädchenhaft an, aber ich konnte meine Bude ganz gut loswerden.

Und dann saß ich wirklich nur 12 Stunden später zum ersten Mal in meinem Leben an Bord einer Boeing 747, die mich in mein neues Leben brachte.

Hinein in die tropische Sonne, weit weg von Mike, diesem irren Psycho, hinein in ein achteinhalb Quadratmeter großes Paradies!

Lieber Mike, ich habe ich nie wieder gesehen, und ich will und werde dich nie mehr wiedersehen. Du willst es auch nicht, denn dann würdest du erneut unvorstellbare Schmerzen erleiden! Aber ohne dich hätte ich diese Flucht nach vorn niemals antreten müssen.

Ohne dich hätte ich sie niemals kennen- und liebenlernen dürfen.

Die große Liebe meines Lebens.

„Wow!“

Das allererste Wort, das ich von Sandra vernahm…

Damals, tief in den Eingeweiden des Ozeanriesen.


Antworten

  1. Es ist immer wieder verwunderlich: Aber selbst das größte A…….. kann dich im Leben weiterbringen. Man muss nur die Zeichen der Zeit erkennen und auch den Mut zum Handeln haben.
    Ich bewundere Dich für Dein interessantes, nicht immer einfaches, Leben und wie Du es bewältigst!

  2. Gut, dass es nur ein paar Wochen mit so einem Idioten waren und keine Jahre (wie bei mir). Wobei es sich bei „meinem“ erst in den letzten beiden Jahren da hin entwickelt hatte. Und leider konnte ich keinen Kampfsport 😦
    Dir hat es deine „große Liebe“ gebracht und einen guten Ausgang. Glückwunsch dazu 🙂
    Liebe Grüße
    Ulrike

    • Vielen Dank. Ja, die Kausalketten des Lebens, immer wieder faszinieren sie mich.
      Wer weiß, wie alles gekommen wäre, wenn… 🤔

  3. Das ist ja eine heftige Geschichte.
    Da war das Schiff ein Wink des Schicksals.
    Ich danke dir für dein Vertrauen.
    LG, Nati

    • Alles ist immer für irgendwas gut. Das sagte meine Oma immer.
      Ich sage nur sehr ungern „hätte, wenn und wäre“, aber tatsächlich gibt es eine Handvoll Landmarken in meinem Leben, die dessen Kurs zu den jeweiligen Zeitpunkten sehr nachhaltig verändert haben.
      Da ist ganz sicher der viel zu frühe Tod meiner Mutter, die Gewaltsache sowieso (hey, zumindest was diese Erfahrung angeht, gehöre ich ja tatsächlich und ausnahmsweise mal einer Mehrheit an…), dann natürlich das Schiff, ohne dass ich meine geliebte wilde Irre niemals getroffen hätte, und dann natürlich diesen ganz speziellen Flug in einer bunten 747 von Cape Town nach Heathrow…
      Manchmal wirft das Leben dir schon eigenartige Brocken vor die Füße, oder?
      Willkommen in meiner kleinen Welt, schön, dass du dabei bist. 😘😘

      • Ich hatte auch ein sch… Kindheit. Aber etwas anderes wie du erleben musstest. Dafür habe ich meinen Mann schon sehr früh kennengelernt.
        Er hat mir gezeigt wie schön das Leben sein kann.
        Ich denke es war eine Wiedergutmachung vom Leben für mich. ☺
        Gerne. Ich schau mich mal ein bisschen bei dir um.
        LG, Nati

        • Sehr gern. Viel Spaß und wie gesagt: wenn‘s Fragen gibt, einfach fragen. 😘

          • Mach ich. ☺😚


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